Die unsichtbare Frau

Kolumne vom 02.11.2020
Text und Bild: Carina Ströhlein, Technische Redakteurin & Projektleiterin Dokumentation

‘Frauen dürfen sich aus juristischer Sicht im generischen Maskulinum mitgemeint fühlen’ Das ist aber nett! Kaum klatscht man eine ähnlich formulierte Standardphrase in das Vorwort, sei es in einem journalistischen Artikel oder in einer Fachdokumentation, ist man(n) fein raus und Frauen sind pseudomässig inkludiert. Fühlt sich so etwa Inklusion an?

Tatsächlich hört sich das im ersten Moment vielleicht lapidarer an als es ist:
Wie viele Texte (egal welchen Formats) haben Sie in letzter Zeit gelesen, die entweder Frauen explizit inkludieren oder geschlechtsneutral formuliert gewesen sind? Lautet Ihre
Antwort hier nun ‘na, nahezu alle!’, gratuliere ich zu einer ausgezeichneten Wahl offensichtlich moderner, zukunftsorientierter Formate mit gendersensiblen Autorinnen.

Dies ist heutzutage sogar zunehmend häufiger anzutreffen, wenn es um journalistisch gefärbte Texte geht. Wie aber steht es in diesem Zusammenhang eigentlich um die Technische Dokumentation? Ist genderneutrales Formulieren überhaupt vorstellbar in einem Bereich, der doch verstärkt darauf fokussiert ist, prägnant und ohne viel ‘Schi Schi’ abzuliefern? Dem könnte man jetzt entgegnen: ‘Der Inhalt der Dokumentation muss primär verständlich sein. Und es muss einfach beschrieben werden, wie sich die Leserin NICHT aus Versehen die Hand absägt. Dabei wird die durchgängige Verwendung der männlichen Form im Text wohl kaum negativ beeinflussend wirken.’ ...

Nein. Die Hand werde ich mir deshalb nicht versehentlich absägen. Und ich werde auch alle notwendigen Schritte in der Anleitung ausführen können, da die Grundintelligenz glücklicherweise nicht genderspezifisch verteilt wurde.
Was mir dabei als Frau dennoch durch den Kopf geht: Welchen Stellenwert hat die Frau generell im herausgebenden Unternehmen? Wie sehr ist das Unternehmen tatsächlich gewillt, Fortschritt nicht nur in technologischer Hinsicht zu integrieren? Diese und andere Gedanken mal ganz abgesehen vom persönlichen Gefühl, nicht ernst genommen zu werden und subtil den Eindruck vermittelt zu bekommen, dass Frauen ohnehin keine Rollen in stark technisch geprägten Positionen zugetraut werden. Ein Bild, das vor Jahrzehnten leider als gewöhnlich angesehen wurde und das es allerspätestens JETZT als Vorurteil aufzubrechen gilt.

Umsetzbar innerhalb der Technischen Dokumentation wäre das Ganze mithilfe autorinnenunterstützender Tools kein allzu grosses Hexenwerk. Fehlendes Budget für die Umsetzung und ein potenzielles Stören des Leseflusses gehen längst nicht mehr als Argumente durch. Um gendergerechte Sprache kommt man im 21. Jahrhundert nicht ohne Weiteres herum. Eigentlich auch sinnig, dass die Akzeptanz bei Leserinnen steigt, sobald sich alle angesprochen fühlen, oder? Anreize und Hilfestellungen, dies auch praktisch umzusetzen, gibt es inzwischen zu Genüge. Ist es da nicht zumindest den Versuch wert, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Formulierungen sich kein Geschlecht mehr ausgeschlossen fühlen muss?

Übrigens: Männer sind in dieser Kolumne dazu eingeladen, sich im generischen Femininum mitgemeint zu fühlen.

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