2017-11-16 : Rückblick Feierabendgespräch “Intelligente Klassifikationen – Anwendung und Automatisierung

Erstmals wurde der Rückblick unseres Feierabendgesprächs von einem unserer Mitglieder verfasst. Es ist uns eine Freude, Ihnen die Perspektive und Zusammenfassung eines Teilnehmers präsentieren zu dürfen und danken hierfür ganz herzlich dem Verfasser, Herrn Dr. Peter Ebenhoch. Ebenso danken wir an dieser Stellen unseren Referenten, Herr Philipp Tschöke und Herr Jan Oevermann, ganz herzlich für die so spannenden Ausführungen. Nicht zuletzt danken wir herzlich unserem externen Beauftragten für Feierabendgespräche, Herrn Jürgen Heizmann, für die Organisation dieses erfolgreichen Anlasses.


Die Technische Redaktion als «Goldstandard»

Zum Thema Intelligente Klassifikation - Anwendung und Automatisierung lud die Tecom Schweiz am 16.11.2017 im Rahmen eines Feierabendgesprächs. Das Interesse war sehr hoch, die Veranstaltung mit über 65 Teilnehmern ausgebucht.

Es referierten Philipp Tschöke und Jan Oevermann von der ICMS GmbH aus Karlsruhe.

Intelligente Information

Philipp Tschöke eröffnete mit der These, dass intelligente Information ohne Modularisierung und Metadaten nicht möglich sei: Nahezu jeder Use Case erfordere das Bereitstellen passender Information - und Metadaten seien der Schlüssel dafür.Content Management, verstanden als Methodik, ermögliche das definierte Erfassen, Verwalten und Publizieren von Informationen, als Single Sourcing aus einer Quelle und als Cross Media in beliebige Zielformate. Modularisierung und Standardisierung seien der Schlüssel sowohl für Konsistenz als auch für Wiederverwendung, bis hin zur automatischen Aggregation, die freilich höchste Metadatenqualität voraussetze. Auch Content Delivery Portale knüpften an Metadaten an und erlauben das zielgruppen- und anlassgerechte Filtern der benötigten Information sowie zusätzlich das sinnvolle Verknüpfen einzelner Informationsblöcke auf Basis der hinterlegten Metadaten. Angesichts dieser Vorteile von Metadaten rentiere sich der Aufwand zu deren Erstellung und Pflege in jedem Fall und dank der Maschinenlesbarkeit sei man auch für Industrie 4.0 optimal gerüstet. Die Erarbeitung von Klassifikationen sei mit der PI-Class Methode von Prof. Ziegler möglich. Diese unterscheidet Verwaltungs-, Produkt- und Informationsmetadaten, die beiden letzteren können zudem intrinsisch oder extrinsisch auftreten.

Automatische Klassifizierung

Jan Oevermann schloss an das Filter-Konzept auf Basis von Metadaten an. Er stellte als Ergebnis seines Doktoratsstudiums einen Ansatz zur automatischen Klassifizierung von Textdokumenten und -modulen vor, der auf künstlicher Intelligenz basiert, wobei diese freilich korrekter als Applied Machine Learning bezeichnet werde. Im Sinne eines maschinellen Lernprozesses werden dabei bereits klassifizierte repräsentative Beispieldatensätze («Goldstandard») statistisch nach dem Vorkommen einzelner Wörter und von Wortfolgen ausgewertet. Mit diesem «Wissen» könne das System auf Basis von mehrdimensionalen Textvektoren eine "Vorhersage" treffen, wie noch unklassifizierte Inhalte vermutlich einsortiert werden müssen. Die Software, die Oevermann dankenswerterweise im Internet unter der Adresse http://http://fastclass.de/ als Open Source zur Verfügung stellt, liefert dabei gleich die Konfidenz (als Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen) mit. Nicht zufällig erinnert dieser wissenschaftliche Ansatz an maschinelle Übersetzung, die gleichermassen antrainiert werden muss und auch nur bei Vorliegen von qualifzierten Erfolgsvoraussetzungen (Übersetzungsgedächtnis) – die höchste menschliche Intelligenz beisteuern muss – mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit, aber keineswegs immer, die gewünschte Qualität liefern kann, wobei diese auch wieder als Wahrscheinlichkeit festgelegt werden muss (vgl. https://www.taus.net/academy/best-practices/advancing-best-practices-on-quality-estimation).

Praktische Herausforderungen

Dankenswerterweise wies Oevermann auf diese Einschränkungen und insbesondere auf die Frage nach dem benötigten Qualitätslevel und möglichen rechtlichen Widrigkeiten hin, auch in Beantwortung von vom Publikum rege nachgefragten Anwendungsbereichen wie der Erschliessung von unstrukturierten Altdaten oder dem Ergänzen bzw. Harmonisieren von Metadaten in sehr grossen existierenden Textmodul-Bibliotheken. Insbesondere sein Beitrag zeigte mit hoher Analytik, was heute technisch und theoretisch möglich ist – und was eben nicht.Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von Metadaten sind in praktischer Hinsicht nämlich nach wie vor ein vorab durchdachter Lebenszyklus eines Informationsprodukts und eine dazu passende Strategie, die zum Wertschöpfungsprozess des jeweiligen Unternehmens und den Informationsbedürfnissen der Anspruchsberechtigten passt. Allzu häufig fehlt aber genau das und wird unter Metadaten lediglich das passive und isolierte Exportergebnis von Stammdaten aus PLM-, ERP- oder CRM-Systemen verstanden.Ein rundes Produktdesign und ein kohärentes Nutzererlebnis (UX) lässt sich so freilich nicht erreichen: Ein Kunde oder Servicetechniker braucht dann rasch ein halbes Dutzend Apps für Informationssuche, Fehlersuche, Ersatzteilsuche, Ersatzteilbestellung, Checkliste und Zeiterfassung, mit entsprechendem Zeitaufwand und Frustration.

Die Technische Redaktion als «Goldstandard»

So könnte man zusammenfassen, dass der wahre Goldstandard intelligenter Information jedenfalls und weiterhin intelligente Menschen sind, die Technische Dokumentation erstellen, und dass Technische Redaktoren und Redaktorinnen künftig vielleicht auch als native Metadaten-Manager eine tragende und wertschöpfende Rolle in Unternehmen spielen könnten, eventuell bis hinauf zum Chief Metadata Officer? Diese Frage des beruflichen Stellenwerts von Metadaten sowie weitere spannende benachbarte Themen wie z. B. das Verhältnis von Stücklisten (für Konstruktion, Produktion, Service) zur Technischen Dokumentation oder die Frage nach Metadaten für interaktive Dokumentation (Zeiterfassung, Testprotokolle, Kundenfeedback) bieten sicher noch einigen Stoff für weitere anregende Abende wie diesen – auf hohem Niveau, mit reger fachlicher Teilnahme und einem angenehmen Networking-Ausklang mitten in Zürich im urbanen Kreis 5.

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Text: Dr. Peter Ebenhoch
Fotos: Azadeh Eshaghi 


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